Spiegel Online und die XML-Revolution
Spiegel Online brachte unter dem Titel Streit um die Revolution einen Artikel über die neuen XML-Dokumentenformate Open Document Format von OpenOffice und dem Office Open-Format aus dem Hause Microsoft.
Die Aussagen in dem Artikel möchte ich nicht unkommentiert stehen lassen.
So steht in dem Artikel:
Bis Anfang nächsten Jahres soll Open XML als internationaler offener Standard anerkannt sein, was das vom Open-Office-Lager entwickelte Open Document Format (ODF) jetzt schon ist.
Der Knackpunkt wird eher Beiläufig am Ende erwähnt. Das OpenOffice-“Lager” (in Wirklichkeit ist das natürlich kein Lager, sondern eine Allianz mehrerer bedeutender IT-Schwergewichter wie IBM, Oracle, Sun Microsystems, Google, Novell, sowie über einhundert weitere Firmen) brachte das ODF nämlich als ISO-Norm ein. Mittlerweile ist der Normvorgang abgeschlossen, und das Dateiformat unter “ISO/IEC DIS 26300” als internationaler Industriestandard anerkannt.
Microsoft musste reagieren. Aber sie taten es nicht etwa, indem sie einen bestehenden Standard übernahmen, sondern indem sie ein eigenes Format namens Office Open XML aus dem Hut zauberten und ihrerseits bei der europäischen Organisation ECMA International zur Normung anboten. Eine Absegnung der Norm steht allerdings noch aus. Initiator der Normung eines Office-Formats ist damit nicht Microsoft, so wie es der Satzbau suggeriert, sondern OpenOffice.
Weiter heißt es in dem Artikel:
Weil sich mehrere Regierungen für ODF ausgesprochen haben, [...] sah sich Microsoft veranlasst, seinem neuen Office 2007 einen “Translator” zur Seite zu stellen. Dieser ermöglicht auf Wunsch das Abspeichern im ODF-Format.
Tatsächlich stand Microsoft unter Zugzwang. Denn mittlerweile rollt eine wahre Lawine in Richtung ODF. Den Anfang machte bereits im September 2005 der US-Bundesstaat Massachusetts. Es folgten seitdem zum Beispiel Belgien, Bristol und Groningen.
Die “Veranlassung” für Microsoft, einen Translator zu veröffentlichen, kam auch nicht von Ungefähr. Denn die OpenOffice-Entwickler haben vorgelegt und arbeiten bereits an einem Plugin, um Microsoft Office ODF beizubringen. Ein paar Monate später vermeldete Microsoft dann selbst die Entwicklung eines entsprechenden Plugins, welche sogar unter BSD-Lizenz als Open Source-Software zur Verfügung steht. Ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr der Konzern aus Redmond mittlerweile unter Druck steht.
Dennoch kann Microsoft es nicht lassen, gegen ODF zu wettern:
“In Word gibt es mehr als 200 Rahmenarten, die alle im Open-XML-Format dargestellt werden können”, sagt der Senior Director für die XML-Architektur bei Microsoft. “Im ISO standardisierten ODF gibt es nur drei oder vier verschiedene Rahmen.” Vor allem aber sei das ISO standardisierte ODF bisher nicht in der Lage, die Vielfalt von Formeln abzubilden, die bei technischen oder finanziellen Tabellenkalkulationen benötigt würden.
Dies ist eine rhetorische Meisterleistung von Microsofts Senior Director. Er vergleicht nämlich eine von Word geschriebene fertige Office Open-XML-Datei mit dem allgemein im ISO standardisierten Teil von ODF. Das ist so, als würde er sein fertiges Haus mit dem Bauplan eines anderen Hauses vergleichen, und dann feststellen, dass er in seinem Haus einen Fernsehsessel hat, während im anderen Haus laut Bauplan kein solcher Sessel zu sehen ist.
Nur weil sich etwas selbst “Open” nennt und in XML gehalten ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch wirklich offen ist und von allen Programmen vollständig verwertet werden kann. Das gilt für das ODF genauso wie für Microsofts Office Open XML. Beide Standards beschreiben nämlich nicht haarklein jedes Detail, sondern nur eine Art gemeinsame Sprache, die alle Programme verstehen müssen. Es ist in beiden Standards aber auch genug Platz für Dialekte, die in der Norm nicht genauer erwähnt werden. Es ist also durchaus möglich, in einer offenen XML-Datei kleine oder größere Mengen an herstellereigenen Informationen unterzubringen, die dann nur von wenigen, speziellen Programmen verstanden werden, während andere Programme diese Details ignorieren. Es ist demnach in fertigen ODF-Dateien genauso möglich wie in fertigen Open-XML-Dateien, verschiedene Rahmen zu verwalten oder komplexe Formeln abzubilden.
Im “ISO standardisierten ODF” mag es also tatsächlich nur “drei oder vier verschiedene Rahmen” geben, oder Defizite bei der Abbildung von Formeln. Zweifelhaft ist aber, dass die ausstehende Office Open-XML-Norm in der Hinsicht mehr Details frei veröffentlichen wird, denn bisher hat sich Microsoft zum Aufbau seiner Office-Dateien immer sehr bedeckt gehalten. Das kann durchaus bedeuten, dass Microsoft wichtige Informationen in dem Office Open XML-Format geheim hält oder patentiert, so dass das Format zwar auf den ersten Blick offen zu sein scheint, letztendlich aber immer noch unter Microsoft-Kontrolle steht und so richtig optimal nur mit Microsoft-Produkten arbeitet. Hier muss Microsoft erst einmal den Gegenbeweis erbringen, dass Office Open XML tatsächlich als offener Standard taugt.
Man muss dabei klar sehen, welche Interessengruppen sich gegenüberstehen. ODF entstammt einer Allianz von über hundert Firmen mit etlichen Produkten, die zum Teil einen relativ kleinen Marktanteil an Office-Produkten haben und nur gemeinsam gegen den derzeitigen Marktführer “Microsoft Office” angehen können. Deren Format wird mittlerweile von einer Vielzahl von Programmen verarbeitet, allen voran OpenOffice. Auf der anderen Seite steht Microsoft mit Office Open XML, welches derzeit nur von Microsoft Office verstanden wird und unter politischem Druck auf den Markt geworfen wurde, da viele Firmen und Regierungen öffentlich von einem wichtigen Standbein Microsofts abrücken. Microsoft hat in Vergangenheit immer bestehende Standards verwaschen oder konkurrierende, eigene “Standards” aufgestellt, alleine mit dem Ziel, damit die Kontrolle über den Markt zu behalten. Sie werden sich auch diesmal nicht kampflos die Butter vom Brot nehmen lassen.
Kein Wunder, dass Microsoft zu folgendem Schluss kommt:
“Wir sind wirklich überzeugt, dass Open XML das überlegene Format ist”, sagt Paoli.
Denn das eigene Format ist natürlich am besten geeignet, die eigenen Daten problemlos und schnell zu speichern. Ein Maßanzug passt halt am besten, aber auch nur der Person, für die er zugeschnitten wurde.
Die Wechsler hat das allerdings wenig überzeugt. Sie haben erkannt, wie wichtig eine offene Normung ist, um auch in vielen Jahren noch herstellerneutral auf die eigenen Dokumente zugreifen zu können. Und sie haben erkannt, wie viel Geld sich durch das kostenlose OpenOffice sparen lässt. Um die Kunden nicht endgültig zu verlieren, bleibt also nicht viel Wahl. Und auch hier verschweigt der Spiegel Online-Artikel eine wichtige Tatsache. Es heißt dort:
Ein Ansatzpunkt dafür könnte die “Translator”-Software sein, die als Open-Source-Projekt entwickelt wird. “Dadurch wird die größtmögliche Transparenz gewährleistet”, sagt Paoli und fügt hinzu: "Wir hoffen, dass sich auch die ODF-Community an diesem Projekt beteiligt."
Die ODF-Community hat dieses Projekt tatsächlich mit Begeisterung angenommen. Was Paoli (und Spiegel Online) allerdings unerwähnt lässt, ist, dass Microsoft mit diesem Translator lediglich Zweiter ist. Die ODF-Community hat bereits zuvor und aus eigener Initiative die Entwicklung eines eigenen Plugins begonnen.
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